|
nr.
FRANKFURT, 10. September.
Das
Marketing vieler Unternehmen ist ineffizient. Zu sehr verließen
sich die Unternehmen immer noch auf traditionelle
Kommunikations-mittel wie Anzeigenwerbung, Maßnahmen des
Direktmarketings kämen dagegen zu kurz. Philip Kotler,
Marketing-Professor an der Universität Illinois, riet den
Unternehmen auf der Messe Dima in Düsseldorf zu einer
Verschiebung ihrer Kommunikationsbudgets hin zu Maßnahmen
des Direktmarketing.
In
der ersten Auflage seines Standardwerks zum Marketing-Management
fristete das Direktmarketing noch ein bescheidenes Dasein ganz
am ende des Buches, so Kotler. Damals, Mitte der siebziger Jahre,
standen die Zeichen der Zeit noch auf „Massenmarketing“.
Die gültige Metapher für das absatzsuchende Unternehmen sei
die des Jägers gewesen, der Kunden fängt. „Diese
Metapher passt heute nicht mehr. Das passende Bild heute ist eher das
des Gärtners, der Kundenbeziehungen aufzieht und pflegt.“
Seit
den siebziger Jahren habe
sich der Blick der Unternehmen auf den relevanten Absatzmarkt immer
weiter verengt: von Massenmärkten zu Marktsegmenten, dann zu
Marktnischen und schließlich auf die Ebene des einzelnen
Kunden –
zugleich die schwierigste Analyseebene, wie Kotler betont.
Viele
Begriffe seien für diese neue Form des Marketing geprägt
worden:
Direct Marketing; Database-Marketing, Interactive Marketing,
One-to-One-Marketing,
Customer-Relations-Marketing, Dialog-Marketing.
Im Kern haben alle diese Begriffe eine Gemeinsamkeit: Es geht
dabei um den einzelnen Kunden.
Voraussetzung
für personalisierte Formen des Marketing ist, dass man die
entsprechenden Informationen über die potentiellen Kunden
gewinnen kann.
Dazu
gehören zunächst Informationen über dessen
Kaufverhalten (was kauf er wann und zu welchem Betrag?). Auf
dieser Grundlage
könnten
zum Beispiel besonders
treue Kunden von
anderen
unterschieden und daraufhin bevorzugt behandelt werden.
|
|
Wichtig
seien weiterhin demographische Daten. Diese könne man
beispielsweise bei der Registrierung eines Internet-Nutzers auf der
unternehmenseigenen Website erfragen. „Zahlreiche
Informationen stecken aber schon in der Postleitzahl des Ortes,
an dem der Kunde wohnt“, so Kotler. Kennt man diese Zahl, könne
man auf das Durchschnittseinkommen der betreffenden Region oder
über Ferienzeiten Rückschlüsse ziehen. Für ein
personalisiertes Marketing benötige ein Unternehmen darüber
hinaus psychographische Daten (Hobbys, Interessen der Kunden) sowie
„Contextual Data“ über das Umfeld, in dem die
potentiellen Kunden leben.
Die
Erhebung und Integration dieser Kundendaten erfordere hohe
Investitionen in Informationssysteme, Kotler rechnet mit
durchschnittlich rund 50 000 Dollar für Software und
rund 300 000 Dollar für ein gesamtes System. Wichtig sei
weiterhin, die Datenbasis ständig zu aktualisieren, auch wenn
damit ein relativ hoher Aufwand einhergehe.“ In den Vereinigten
Staaten ziehen in jedem Jahr durchschnittlich 25 Prozent der
Einwohner einmal um“, so Kotler. Dies mache die permanente
Aktualisierung von Adressen-datenbanken
erforderlich. Eine weitere Voraussetzung für personalisiertes
Marketing stelle ausgebildetes
Personal
dar, das mit der Analyse der gesammelten Daten betraut wird. Hier
gebe es in vielen Unternehmen noch große Defizite: „In
Supermärkten werden dank des Einsatzes von Scanner-Kassen Berge
von Daten gesammelt, trotzdem sehe ich seit Jahren keine
Verbesserung des Angebots in den Läden“.
Welchen
Stellenwerk sollten Maßnahmen des Direkt-marketings in der
Absatzpolitik des Unternehmens haben? Üblicherweise werden
rund 60 Prozent des Marketing-Budgets für Anzeigen- und
Fernsehwerbung ausgegeben, 20 Prozent für Werbebriefe und
E-Mails, 10 Prozent für Telefonmarketing und weitere 10
Prozent für Öffentlichkeitsarbeit. „Reine
Geldverschwendung!“
urteilt
der Marketing-Professor. Kotler empfiehlt eine nahezu umgekehrte
Aufteilung des Budgets: 10 Prozent für Anzeigenwerbung,
|
> |
90
Prozent für Direktwerbung und Telemarketing.
Der
amerikanische Telekommunikationsanbieter AT&T hat beide
Varianten getestet: Zunächst wurden 70 Prozent des Budgets für
Anzeigenwerbung und 30 Prozent für Direktmarketing
aufgewendet, was zu 1,6 Aufträge pro 1 000 angesprochener
potentieller Kunden führte. Die Absatzkosten je Auftrag betrugen
6 250 Dollar. Eine neue Politik (nur noch 10 Prozent des Budgets
für Anzeigenwerbung) brachte deutliche Einsparungen
und höhere Effizienz: Es wurden 22,5 Aufträge pro 1 000
Adressaten erzielt, die Absatzkosten pro Auftrag sanken auf
444 Dollar.
Doch
nicht nur die Neuverteilung des Budgets ist wichtig für den
Absatzerfolg, auch die zeitliche Abfolge, in der
verschiedene Instrumente zum Einsatz kommen, muß geklärt
werden. Ein Experiment der Citicorp habe gezeigt, dass Kunden
wesentlich stärker auf Kampagnen reagieren, in denen mehrere
Medien zeitlich aufeinander folgend eingesetzt wurden. „Auf
einen Werbebrief reagierte 1 Prozent der Zielgruppe, auf einen mit
einer Servicenummer versehenen Brief reagierten 7 Prozent, der
gleiche Brief mit einem anschließenden Anruf und
unterstützender Anzeigenwerbung erzielte einen Wert von 16
Prozent.“
Bei
allen Maßnahmen müsse der Fokus der Unternehmen auf dem
Aufbau von möglichst engen Beziehungen zum Kunden liegen. Gegen
die – durch das Internet noch gesteigerte – Erosion der
Preise in vielen Branchen gebe es nach Meinung von Kotler nur zwei
Mittel: „Aufbau
starker Marken und Aufbau von engen Kundenbindungen.“
Quelle:
 Ralf
Nöcker
Management
im Überblick
Montag,
11.09.2000; Seite 28
|